JOS: Praktische Tipps und Erfahrungen aus dem Wald

Im letzten Beitrag haben wir über die Kupplung und die Bremse der Seilwinde sowie deren Bedeutung für sicheres und zuverlässiges Arbeiten im Wald gesprochen. Dieses Mal widmen wir uns einem weiteren entscheidenden Element jeder Seilwinde – dem Seil. Eine Seilwinde allein ist ohne das passende Seil für den Anwender im Wald nur von begrenztem Nutzen. Das Seil stellt die direkte Verbindung zwischen der Seilwinde und dem Holz dar, das wir aus dem Wald rücken. Deshalb ist es wichtig, seine Eigenschaften, Grenzen und grundlegenden Wartungsregeln zu kennen.

STEEL WIRE ROPE IS NOT A CONSUMABLE

Das Stahlseil ist ein Maschinenelement.

Ich betone das deshalb, weil Anwender es häufig wie ein gewöhnliches Verbrauchsmaterial behandeln. Tatsächlich erfordert es jedoch ähnliche Aufmerksamkeit wie beispielsweise Lager, Ketten oder andere wichtige Maschinenkomponenten.

Die Grundlage eines Seils bilden Stahldrähte mit entsprechender Zugfestigkeit, die zu Litzen verseilt werden. Diese Litzen werden wiederum um einen Kern herum zu einem Seil verarbeitet. Die Art der Verseilung hängt vom Einsatzzweck ab, weshalb es unterschiedliche Seilkonstruktionen für verschiedene Belastungen und Arbeitsbedingungen gibt.

WELCHEN KERN HAT DAS SEIL?

Früher verfügten viele Seile über einen Hanfkern, der für die innere Schmierung des Seils sorgte. Solche Seile waren in der Regel weicher und flexibler, jedoch auch weniger widerstandsfähig gegenüber hohen Belastungen.

Heute werden bei Forstseilwinden und Seilbahnen nahezu ausschließlich Seile mit Stahlkern eingesetzt.

Der Kern besteht aus einer speziellen Litze aus Stahldrähten, die die Mindestbruchkraft des Seils erheblich erhöht. Dadurch können auch bei höheren Zugkräften der Seilwinde dünnere Seile verwendet werden.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • geringerer Seildurchmesser,
  • höhere Trommelkapazität,
  • geringeres Gewicht,
  • einfacheres Arbeiten für den Anwender.

Damit kommen wir wieder zum Thema Ergonomie: Ein dünneres Seil bedeutet leichteres Handling und mehr Seil auf der Trommel.

WAS IST MIT DOPPELT VERDICHTETEN SEILEN?

In der Praxis höre ich häufig den Begriff „zweifach gewalztes Seil“. Wenn ich ehrlich bin, handelt es sich dabei in den meisten Fällen um eine falsche Bezeichnung. Zweifach gewalzte Seile gibt es praktisch nicht – wohl aber doppelt verdichtete Seile.

Bei einem Verfahren der doppelten Verdichtung werden zunächst die einzelnen Litzen verdichtet. Erst danach werden sie zu einem Seil verseilt, das anschließend als Ganzes nochmals verdichtet wird.

Dieses Verfahren erfordert deutlich mehr Aufwand und Technologie, weshalb solche Seile teurer sind. Ihr Haupteinsatzgebiet sind vor allem Tragseile von Seilbahnen, bei denen die Anforderungen an Festigkeit und Lebensdauer besonders hoch sind.

WIE HOCH MUSS DIE BRUCHKRAFT DES SEILS SEIN?

Sicherheitsvorschriften schreiben vor, dass die Mindestbruchkraft des Seils (MBF) mindestens doppelt so hoch sein muss wie die maximale Zugkraft der Seilwinde. Das bedeutet, dass die Wahl des Seils keineswegs dem Zufall überlassen werden darf.

Beim Kauf sollten daher immer folgende Punkte überprüft werden:

  • Seildurchmesser,
  • Seilkonstruktion,
  • Mindestbruchkraft,
  • Kompatibilität mit der Zugkraft der Seilwinde.

Sicherheit hat immer oberste Priorität.

WIE LÄSST SICH DIE LEBENSDAUER EINES STAHLSEILS VERLÄNGERN?

Die Lebensdauer eines Seils wird von mehreren Faktoren beeinflusst.

Die wichtigsten sind:

  • korrektes Aufwickeln auf die Trommel,
  • geeigneter Trommeldurchmesser,
  • ausreichend große Seilrollen,
  • regelmäßige Schmierung,
  • sachgemäße Verwendung.

Das Seil muss immer fest auf die Trommel aufgewickelt sein. Ein schlecht aufgewickeltes Seil drückt sich unter Last in die unteren Lagen ein, was zu Beschädigungen führt und die Lebensdauer verkürzt.

Ebenso wichtig ist die regelmäßige Schmierung. Jedes Seil wird zwar bereits während der Herstellung geschmiert, das Schmiermittel nutzt sich jedoch im Laufe der Verwendung ab. Für die zusätzliche Pflege empfehle ich die Verwendung von Sprühschmierstoffen für Fahrrad- oder Motorradketten. Solche Schmierstoffe dringen gut in das Seilinnere ein, reduzieren die Reibung zwischen den einzelnen Drähten und verhindern innere Korrosion. Gerade innere Korrosion ist häufig eine der Hauptursachen für vorzeitige Seilbrüche.

Bei regelmäßiger Nutzung empfehle ich eine Schmierung etwa einmal pro Monat.

STAHLSEIL ODER SYNTHETIKSEIL?

In den letzten Jahrzehnten haben sich in der Forstwirtschaft auch Seile aus synthetischen Fasern etabliert.

Am bekanntesten sind Seile aus Dyneema®-Fasern, die ursprünglich aus den Niederlanden stammen und zunächst für die Schifffahrt entwickelt wurden. Ihr größter Vorteil ist ihr äußerst geringes Gewicht. Genau deshalb haben sie sich auch in der Forstwirtschaft als interessante Alternative zu Stahlseilen erwiesen.

VORTEILE VON SYNTHETIKSEILEN

Die wichtigsten Vorteile von Synthetikseilen sind:

  • deutlich geringeres Gewicht,
  • einfacheres Handling,
  • bessere Ergonomie,
  • höhere Mindestbruchkraft,
  • einfache Reparatur im Falle eines Seilbruchs.

In vielen Fällen weisen Synthetikseile sogar eine um 15 % oder mehr höhere Mindestbruchkraft auf als vergleichbare Stahlseile.

Ein weiterer wichtiger Vorteil ist die Sicherheit. Wenn ein Synthetikseil in der Mitte reißt, schlägt es aufgrund seines geringen Gewichts in der Regel nicht so heftig aus wie ein Stahlseil.

Natürlich stellen Ketten, Chokerhaken und andere Metallkomponenten, die weiterhin unter Spannung stehen, nach wie vor eine Gefahr dar.

EINSCHRÄNKUNGEN VON SYNTHETIKSEILEN

Trotz ihrer zahlreichen Vorteile sind Synthetikseile nicht für alle Einsatzbedingungen die ideale Lösung.

Ihr größter Nachteil ist ihre Empfindlichkeit gegenüber:

  • scharfen Kanten,
  • Steinen,
  • Reibung an Felsen,
  • mechanischen Beschädigungen.

Deshalb erfordert ihr Einsatz mehr Aufmerksamkeit und einen sachgerechten Umgang.

Ein wichtiger Faktor bleibt auch der Preis. Obwohl Synthetikseile heute deutlich erschwinglicher sind als noch vor zwanzig Jahren, kosten sie immer noch etwa dreimal so viel wie vergleichbare Stahlseile.

WO SPIELEN SYNTHETIKSEILE IHRE STÄRKEN BESONDERS AUS?

Heute werden sie häufig beim Fällen von Bäumen mit der Seilwinde eingesetzt. Aufgrund ihres geringen Gewichts ist die Arbeit mit ihnen deutlich weniger anstrengend, und ihre Befestigung hoch oben in der Baumkrone ist wesentlich einfacher.

Deshalb werden sie bei anspruchsvollen Forstarbeiten immer beliebter.

WELCHE SEILLÄNGE SOLLTE MAN WÄHLEN?

Neben der Art des Seils spielt auch seine Länge eine wichtige Rolle. Es gilt, Folgendes zu berücksichtigen:

  • den passenden Durchmesser,
  • die geeignete Mindestbruchkraft,
  • die richtige Länge.

Wie ich bereits in einem früheren Beitrag erwähnt habe, verursacht ein zu langes Seil häufig mehr Probleme als Nutzen. Es lässt sich auf der Trommel schwieriger gleichmäßig aufwickeln, wird häufiger beschädigt und reißt in der Praxis oft irgendwo in der Mitte.

Außerdem bedeutet mehr Seil auf der Trommel eine geringere Zugkraft. Deshalb ist es oft sinnvoller, eine Seilverlängerung zu verwenden, anstatt dauerhaft mit einem zu langen Hauptseil zu arbeiten.

VERGESSEN WIR DIE GRUNDREGELN NICHT

Abschließend möchte ich einige grundlegende Regeln noch einmal hervorheben:

  • Das Seil muss immer fest auf die Trommel aufgewickelt sein.
  • Beschädigte Seile müssen rechtzeitig ersetzt werden.
  • Das Seil muss regelmäßig geschmiert werden.
  • Reibung an scharfen Kanten ist zu vermeiden.
  • Es ist stets ein Seil zu verwenden, das zur Zugkraft der Seilwinde passt.

Ein richtig ausgewähltes und gut gewartetes Seil bedeutet nicht nur eine längere Lebensdauer der Ausrüstung, sondern vor allem ein sichereres Arbeiten im Wald.

Im nächsten Beitrag widmen wir uns Seilendstücken, Chokerhaken und weiteren Komponenten, die einen wesentlichen Einfluss auf Effizienz, Sicherheit und Lebensdauer des gesamten Holzrückesystems haben.